„Sehe die Gefahr, keine JFVs mehr zu brauchen“

Spiele gegen Darmstadt 98 und Co. waren für Viktoria Fulda (rechts im Foto Jonas Jakob) immer Highlights. Doch diese könnten bald wegfallen – zum Unmut vom JFV-Vorsitzenden Thomas Dreifürst.

Wie schaffen es wieder vermehrt Talente in den Profibereich? Diese Frage versucht der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in seinem „Projekt Zukunft“ zu beantworten und strebt dafür weitreichende Veränderungen an – mit Auswirkungen bis hin zu den Amateurclubs.

Größte Neuerungen in den Plänen, die der Kicker jüngst veröffentlichte und den Vereinen bereits vorgestellt wurden, ist die Abschaffung der seit den 2000er-Jahren bestehenden A- und B-Junioren-Bundesligen. Stattdessen sollen die 56 Nachwuchsleistungszentren (in Hessen haben Eintracht Frankfurt, Darmstadt 98, Wehen Wiesbaden, Kickers Offenbach und FSV Frankfurt NLZs) vom Ligenbetrieb ausgekoppelt werden, Entwicklungsspiele und -turniere bestreiten – damit nicht mehr der Erfolgsdruck im Vordergrund steht, sondern die Ausbildung der Talente.

Und die Amateurclubs? Die bleiben auf der Strecke. Findet zumindest Thomas Dreifürst, Vorsitzender des JFV Viktoria Fulda: „Wir fühlen uns abgewertet. Es findet nur noch ein elitäres Denken für NLZs und die Profivereine statt“, kritisiert Dreifürst. Zwar sei es keineswegs der Anspruch, mit der Viktoria in der Bundesliga zu spielen, doch „Bronnzell hat es 2012 bei den B-Junioren gezeigt, dass Möglichkeiten da sind, als es in die Aufstiegsspiele gegen Kaiserslautern ging. Stattdessen fällt der sportliche Wettkampf mit den Leistungszentren weg – obwohl sich die Jungs darauf besonders freuen. Dadurch wird die Hessenliga abgewertet.“

Denn obwohl die Bundesligen aufgrund des Corona-Abbruchs im Vorjahr teils deutlich aufgebläht sind, spielen mit Wehen, dem FSV (beide A-Junioren) sowie Offenbach (B-Junioren) mehrere Leistungszentren mit den Fuldaern in einer Liga, zudem finden Vergleiche mit den U16-Teams der Eintracht und Lilien statt. Gegen die hessischen Schwergewichte sowie angrenzende NLZs wie Mainz oder Erfurt hätte der JFV nach der Reform jedenfalls deutlich geringere Chancen, talentierte Spieler noch zu halten. „Da könnten wir wohl nichts machen. Und die Spieler, die es bei den Proficlubs nicht packen, hören dann entweder ganz auf oder wechseln von der U19 schon in die Senioren“, sieht Dreifürst weitere Probleme.

Dreifürsts Vergleich mit Klausuren ohne Benotung

Auch vom Gedanken, die Talentförderung weniger dem Erfolgsdruck auszulegen, hält der 60-Jährige wenig. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und Leistung wird an Ergebnissen gemessen. Wenn ich da einen Vergleich mit der Schule aufstelle und sage, dass die Klausuren nur noch ohne Ergebnis gewertet werden, verliert man doch jeglichen Druck“, gibt Dreifürst zu bedenken. „Außerdem geht der Teamspirit, gemeinsam etwas erreichen zu wollen, verloren.“

Ein Deutscher Meister soll trotz Entwicklungsturnieren ohne Ligasystem weiterhin ermittelt werden. Zudem soll ein Amateurmeister gekürt werden, dem Sieger winkt ein „Supercup-Duell“ mit dem Meister des Leistungszentrums. Ansonsten bekommen die Amateurclubs nur mit Gewinn der Landespokalwettbewerbe und folgender Teilnahme im U-19-DFB-Pokal die Möglichkeit, sich mit den prominenten Clubs zu messen.

Sollten die Änderungen wie geplant zu Beginn der Saison 2022/23 in Kraft treten, würde der Vorstandsvorsitzende die komplette Sinnhaftigkeit seiner Viktoria hinterfragen: „Ich sehe die große Gefahr, dass wir Jugendfördervereine in dieser Form dann nicht mehr brauchen. Schließlich darf man den finanziellen Aufwand bei der Sache nicht außen vor lassen. Vielleicht wäre es einfacher – sofern die rechtliche Möglichkeit ohne einen Klassenverlust besteht –, den JFV in die SG Barockstadt einzugliedern.“

Quelle: https://www.torgranate.de
Foto: Charlie Rolff

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